November 2013:

Gibson L-00, BJ 1941

 

Schon wieder diese amerikanische Firma, die mich ums Verrecken nicht loslässt. Doch was soll ich machen, der letzte Monat hat mir sonst nichts Zeigenswertes eingebracht, oder soll ich über Saitenwechsel bei einer Ibanez GIO oder PU-Wechsel einer Fender USA Stratocaster schreiben? Gäähhhn. Nicht, dass mich diese Arbeiten langweilen würden, ganz im Gegenteil, aber ich gehe davon aus, dass sich außer mir niemand dafür interessiert. Und versprochen - im nächsten Monat steht auf der Kopfplatte eine andere Marke drauf…

Dieses Modell hier – eine Gibson L-00 aus dem Jahre 1941 – ist im Besitz eines guten Freundes und sie fasziniert mich schon lange, denn sie sieht mehr nach einer Baustelle als nach einem Instrument aus. Hat ja auch schon 72 Jahre (!!!) auf dem Buckel. Seht selbst:

Also wenn ihr mich fragt, ist diese Gitarre auf dem See-Weg nach Europa gekommen, und zwar wurde sie als Paddel benutzt. Unzählige geleimte Risse in der Decke, dem Boden und der Zarge, grob reparierte Griffbrett-, Balken- und Steg-Ablösungen zeigen ein bewegtes Leben dieser von Hause aus empfindlichen Gitarre (man sagt, diese Modelle sollte man nicht mit starken Saiten bespannen). Das ganze Dingens ist mittlerweile so verbogen, dass man sich sowieso fragt, ob da noch ein vernünftiges Tönchen herausquäken kann. Der Hammer ist die Hinterhof-Nachlackierung nach dem Motto „jetz is eh scho wurscht“, wenigstens hat der Lackier-Meister das Kopfplatten-Logo freigelassen, aber das Gibson-Script hat er dann wieder nachgepinselt. Die Reparaturen sind nicht gerade schön und fachgerecht erledigt worden, aber sie halten den Bock zusammen und das Gerät scheint nun außerordentlich stabil zu sein.

Beim Betrachten der Gitarre sollte man sich spaßeshalber die Details auf der Zunge zergehen lassen: Adirondak-Fichtendecke, Boden u. Decke aus Honduras-Mahagoni, Griffbrett Rio-Palisander. Wir sprechen von luftgetrockneten, natürlich abgelagerten Hölzern, das Ganze vollmassiv und mit Knochenleim verleimt. Gekostet hat das damals 36 dollar fuffzich, heute macht das ein Custom-Shop nicht unter 4000, falls der an solch eine Holz-Qualität überhaupt rankommt.

So, jetzt aber mal hören… wiegesagt, ich kenne die Gitarre schon länger, und jedesmal wenn ich mir diese Ruine unter die Axel klemme und die Saiten anschlage, fällt mir die Kinnlade auf die zig-fach geklebte Zarge . So schön kann nur eine alte Gitarre klingen! Da ist es wieder, das Unbeschreibliche (siehe: Oktober 2013: Gibson EB-0), nennen wir es MOJO!

Im Gegensatz zum Klang leidet die Bespielbarkeit etwas unter den Geschehnissen die dem Instrument widerfahren sind, das Problem ist vor allem das wellige Griffbrett, das scheppert und knarzt beim Spielen in manchen Lagen. Ich schlug dem Besitzer vor, die L-00 neu zu bundieren, dabei wird (nach dem Entfernen der alten Bünde) das Palisander wieder in eine ordentliche Flucht geschliffen, dann sind die Wellen der Vergangenheit geglättet. Außerdem wünschte er sich einen Tonabnehmer hinein. Passend wäre für diese Gitarre ein „under saddle“-Produkt in der dünnsten Variante, das dafür benötigte 3mm-Loch durch den Steg und das Aufbohren des Endblocks für die Endpin-Buchse macht in Anbetracht der Reparatur-Historie keinerlei Wertminderung. So machen wir´s.

Nach dem Entfernen der Bünde musste ich einiges an Palisander abschleifen, um ein wellenfreies Griffbrett zu erhalten. Das führt dazu, dass man die Bund-Schlitze tiefer sägen muss, doch das ist alles noch im grünen Bereich. Der Tonabnehmer ist nach dem Bohren der besagten Löcher flink installiert, dazu ein dezentes Volume-Rädchen im Schalloch. Aber da stört mich noch der grobe Lack am Hals. Das fühlt sich eher danach an, als ob man den Eschen-Stiel eines Vorschlag-Hammers in der Hand hält… das hat sie nun wirklich nicht verdient. Ich hab das noch schnell geschliffen und aufpoliert, so.

Jetzt kann man sich mit der alten Dame wieder ungebremst vergnügen, der Pickup ist eine praktische Modernisierung und überhaupt macht diese Gitarre so viel Sinn: Sie ist 72 Jahre alt, sämtliche Spannungen im Konstrukt sind abgebaut, sie ist sowas von eingespielt, obendrein nicht teuer, in diesem Fall wegen der zahlreichen Reparaturen eher günstig, und darum wird sie auch nicht so schnell geklaut. Ein Sammler würde sich das nicht kaufen, aber ein Player, und der wird hier doppelt belohnt. Tolles hässliches Entlein!