Mai 2013:

Gibson ES175, Bj: 1959

 

So... auf die Gefahr hin, dass ich mich hier mit dem Zoll anlege, berichte ich diesen Monat über eine Bundierung einer ES175 von 1959 (jaja, hört ihr´s auch schon läuten?). Das goldene Zeitalter der Gitarren-Hölzer - sagen die Leute - dafür haben sie auch schon mal den Regenwald platt gemacht... zumindest einen kleinen Teil davon. Wobei sie ja damals nicht wissen konnten, daß es aus heutiger Sicht die "besseren" Hölzer waren, nein, die haben nur versucht, wirtschaftlich einzukaufen. Heute werden die falschen Leute für den damaligen Raubbau bestraft, aber ich kann die Beamten beruhigen: Diese Gitarre hat ein ordentliches Zertifikat, kommt sie doch aus dem MJ-Guitars.

 

Wiegesagt, es geht hier um die Bundierung des Griffbretts, und hierzu möchte ich ein paar Überlegungen loswerden, die die unterschiedliche Herkunft der Griffbretter betrifft, schließlich ranken sich Mythen um das Rio-Holz, und eine Gitarre, die das auf dem werten Hals aufgeleimt hat, darf sich einer wesentlich höheren Bewertung erfreuen.

Jetzt bin ich zwar ein leidenschaftlicher Gitarrenbauer, aber ein großer Teil in mir ist pragmatischer Techniker, und der sieht sich mal das Griffbrett einer Gitarre an und stellt emotionslos fest, daß es sich hier um ein maximal 4mm dünnes Brett handelt, dessen Maserung 22mal quer durchsägt ist, genausoviele Neusilber-Bünde trägt und reichlich Holz für die Wölbung, die Einlagen und das Binding weggefräst wurde. "Das soll tonalen Einfluss haben??? Haahaahaahihihi..." lacht da der Pragmat in mir. Der Gitarrenbauer entgegnet auf das erbärmliche Gelächter: "Das Griffbrett ist das erste Holz am Hals, das die Schwingung der Saite weiterleitet, da muss sich die Vibration also erst mal hindurchschütteln. Und die schüttelt sich bei einem brasilianischem Griffbrett anders als bei einem indischen hindurch...". "Aber hör mal..." setzt der Pragmat fort, nachdem er sich die Lachtränen von den Backen gewischt hat, "die Schwingung setzt genauso am Steg/Saitenhalter, an der Kopfplatte und natürlich an den Bünden an und vibriert durch das ganze Konstrukt hindurch. Das Griffbrett hat doch nur einen verschwindend kleinen Anteil an der Schwingungs-Übertragung im Verhältnis zu dem ganzen Rest, und da soll auch noch die Herkunft des Palisanders eine Rolle spielen?". Glaubt, was ihr wollt, aber glaubt nicht alles, was ihr lest... nur bei einem könnt ihr euch sicher sein: Die Hölzer wurden damals anders getrocknet als heute, dieser Prozess war deutlich gesünder, und ich denke daß da der Hase im Pfeffer liegt...

 

Und wenn ich mir die Maserung des Palisanders der hier vorliegenden ES175 genau angucke, dann könnte ich sowieso eisenhart auf "indisch" schwören. Nun gibt es Gitarrenbauer, die sagen, daß man das brasilianische von dem indischen nicht an der Maserung, sondern nur am Schleif-Geruch unterscheiden kann. Genau das habe ich aber auch schon des Öfteren getan - wie auch bei dieser Aktion - und ich erschnüffelte leider auch da keinen Unterschied.

 

Naja, sei´s wie´s will... sagt der fleißige Schwabe, jetzt aber an die Arbeit:

Die werte Gibson hier soll neue Reifen... äh... Bünde bekommen, denn die alten sind runter, außerdem weist der Hals eine schöne Welle am Hals-/Korpus-Übergang auf, das möchten wir egalisiert haben.

Also, Bünde vorsichtig herausziehen und das Griffbrett planschleifen. Dabei wird die Welle zur Ebene, fingernagel-bedingte Vertiefungen schleife ich aber nicht komplett heraus, ich finde man darf schon sehen, daß da ein paar Leute drauf gespielt haben.

Nächster Schritt... Bünde zuschneiden, die Enden unterschneiden (Binding), und reinklopfen. Bundenden abschneiden, abfeilen... Vorsicht am Binding. Dann die Bünde abrichten, wieder eine Krone auffeilen, Bundenden entgraten. Zielgerade: Feinschliff mit 360er Körnung bis zur 2500er Politur. Abschließend imprägniere ich das Palisander mit einem geheimen, nur mir gekannten Ölgebräu, dessen Zusammensetzung mindestens genauso wichtig für die Schwingungsentfaltung ist, wie die Griffbrett-Sorte, jaja...

Nachdem die Saiten wieder auf der hübschen Üppigen drauf sind, schlage ich ein paar Akkorde an, und der ganze Hype um das Palisander ist vergessen... stattdessen frage ich mich: wo kommt eigentlich das Ahorn für den Sperrholz-Korpus her?