Formentera Guitar (Straula)

August 2014

 

Es war vor mehr als 20 Jahren, als wir (mein allerbester Freund Holger und ich) uns entschlossen einen Gitarrenbau-Urlaub auf Formentera zu machen. Bekanntermaßen gibt es dort die deutsche Gitarrenbauschule „Formentera Guitars“, ehemals ins Leben gerufen von Atze Gölsdorf. Jener selbst war damals schon aus der Firma ausgestiegen und so waren unsere Dozenten Thomas Stratmann und Ekkehard Hoffmann (der jetzige Eigentümer). Das roch also nach einem Haufen Kompetenz was uns da schon bei der ersten Begegnung mit den beiden entgegenschlug, hat der Ekkehard auch gleich zum Holger gesagt: „Aha, du willst also eine Straula bauen?“… haben wir da einen etwas herablassenden Unterton bemerkt? Nööö, die beiden wissen natürlich bescheid, aber da haben die Herren nicht mit dem Holger gerechnet, der hat sich die Straula in den Kopf gesetzt und basta!

Eine „Straula“ ist übrigens – das habt ihr euch sicher gleich gedacht – eine gefährliche Symbiose aus Strat und Paula, klar, also keine Mischung – das wäre ja weder das Eine noch das Andere – sondern beide Gitarrentypen in einer! Eigentlich hat das der Paul Reed Schmidt ja auch vorgehabt, dummerweise hat er eine dermaßen hohe Messlatte an Qualität aufgelegt, daß das weder Strat noch Paula wurde, sondern etwas ganz Eigenes… der Rest ist Geschichte.

 

Zurück zum Thema. Holger ist zwischenzeitlich nach Australien ausgewandert, seine Formentera-Straula hat er natürlich mitgenommen. Nun hat er sich aber die Kuppe seines linken Zeigefingers abgeschnitten, was natürlich für einen Gitarristen eine Katastrophe bedeutet, weil es das Greifen erheblich erschwert. Sein Kommentar war: „Mit der Malmsteen-Coverband wird´s jetzt halt nix mehr.“ Bevor er aber das Gitarrenspiel an den Nagel hängt, dachte er über Alternativen nach und kam auf die Idee, das Griffbrett zu scallopen, und ich sollte das machen.

 

Endlich hatte ich diese Gitarre wiedergesehen! Swietenia-Mahagoni mit Ahorn-Decke, Swietenia-Hals mit Ebenholz-Griffbrett, das Ganze lecker geshaped, geölt und gewachst. 24 Jumbo-Bünde, Gotoh-Tremolo und Mechaniken. Und vor allem kein Stück Vintage! (Wir dachten damals eher pragmatisch, denn wir waren Live-Gitarristen, spielen wollten wir wie der Teufel und uns nicht mit Vintage-Griffbrett-Radien und unzulänglichen PU-Schaltungen herumschlagen!) Der Clou sind schließlich auch die Pickups und deren Schaltung: Der Hals-Humbucker ist mit Stab-Magneten ausgerüstet, das ergibt im Split einen großartigen Strat-Neckpickup-Sound, deutlich glockiger als ein gesplitteter Normal-Humbucker.

An der Belegung des 5-fach-Schalters ist der Ekkehard dann persönlich gesessen, mitten in der Werkstatt, ein Bein über das andere geschlagen, ein Blatt Papier auf den Knien und eine schwere Denk-Wolke über ihm.

Die Gitarre ist ja mittlerweile 21 Jahre alt und das Ahorn ist wunderbar honigfarben nachgedunkelt, oder wie man neudeutsch-gitarrisch sagt, „gefaded“. Sie riecht noch förmlich nach den Balearen und es kommen reihenweise Erinnerungen an die für uns bedeutsame Zeit hoch…

Zum Beispiel wurde uns anfangs gesagt, wer seinen Body oder Hals herunterfallen lässt, spendiert einen Kasten Bier. Ha, wir lassen doch nix fallen, dachten wir, WIR NICHT, es kam jedoch bei nahezu allen vor, sogar bei den Dozenten.

Dann gab es dort in der Werkstatt den sogenannten „Bier-o-mat“: Auf einem Kühlschrank stand ein riesiger Glas-Bottich mit Wasser gefüllt, in dessen Mitte befand sich ein offenes Gurkenglas im Wasser. Durch einen Schlitz wurde oben ein Geldstück eingeworfen und mit Glück schwappte der Pesos in das innere Gurkenglas. Erst dann durfte der Kühlschrank geöffnet und das ersehnte Bier herausgenommen werden. Das ging 5mal gut und 5mal daneben.

 

Hier ein paar Eindrücke von der guten „Formentera“:

Also, Scalloping war angesagt. Zeitaufwändig, und man braucht gute Feilen. Das Griffbrettmaterial ist hart, in diesem Falle sogar Ebenholz, das gibt Muskelkater in der rechten Hand, das weiß ich schon beim Hinschauen… da fällt einem in der Probe abends schon mal das Plektrum aus den Fingern. Ich feile da immer frei Schnauze, also Augenmaß, pi mal Daumen, das hat sich bewährt, denn man sieht Ungleichmäßigkeiten recht gut mit dem freien Auge. Die Bünde bleiben drauf, jedoch schadet nach 21 Jahren Spielen eine Abrichtung derselben nicht. Auch feilt man tiefer, als die Dots liegen, also müssen die meisten davon auch nachgebohrt und erneuert werden.

Auch darf man annehmen, dass das Instrument nach der Feilerei anders schwingt, besser oder schlechter, man weiß das vorher nicht. Es ist einfach eine andere Spannung auf der ganzen Konstruktion aufgrund der geringeren Halsmasse vorhanden. In unserem Fall hat sich das als vernachlässigbar erwiesen, gottseidank.

 

Nach getaner Arbeit pflege ich die Gitarre nochmal mit dem bewährten Hartwachs, und ziehe andächtig Saiten auf. Das erinnert mich auch gleich noch an die letzten Tage in der Werkstatt, als langsam ein Instrument nach dem anderen fertig wurde und die ersten Töne erzeugt wurden. Was für eine spannende Zeit, damals, vor 21 Jahren!

Noch ein paar Sätze zu Formentera Guitars: In dieser Schule haben wir so viel gelernt und obendrein jede Menge Spaß gehabt, dass ich das nur jedem Empfehlen kann, der sich eine eigene Gitarre bauen will. Die Kosten sind zwar hoch, aber das erlernte Wissen ist Gold wert, man baut nämlich nicht aus vorgefertigten Teilen, sondern aus den rohen Hölzern – also von Grund auf – eine Gitarre/Bass, sogar die Tonabnehmer wickelt man selbst. Und letztendlich hat man sich ein Instrument fürs Leben gebaut… Unbezahlbar.