Gibson ES335 Halsstab-Reparatur

 

Es ist eine Zeit lang her, dass ich an dieser Stelle über die Reparatur eines Halsstabs schrob. Kaum vergehen ein paar Jahre - zack - kommt schon wieder so ein Problem daher. Und ich möchte es nochmals bebildern und dokumentieren, weil´s so schee is!

 

Also, kommt da eine ziemlich tolle ES335 in mein Haus der Reparaturen, der Hals gekrümmt wie eine ausländische Banane, das geht doch nicht! Die Gitarre hat jedoch eine Vorgeschichte und dazu muss ausgeholt und abgeschwiffen werden:

In der Metall-Industrie gibt es die sogenannte Cryo-Behandlung, bei der durch Einfrieren von Bauteilen eine Material-Entspannung und dadurch eine höhere Passgenauigkeit erreicht werden soll. Blechblas-Instrumentenbauer haben das seit einiger Zeit auch schon entdeckt und so war es nur eine Frage der Zeit, dass George Forester dieses Tuning auch für Gitarren übernommen hat. Aufmerksame E-Gitarrenspieler haben das auch schon bei Dean Markley Saiten gesehen, deren Blue Steel Serie genau dieses Tiefkühlverfahren durchläuft… der Werbetext verspricht eine höhere Stimmgenauigkeit und längere Haltbarkeit der Saiten.

Beim Cryo-Tuning für Gitarren wird das komplette Instrument (wahlweise auch nur einzelne Teile) in eine Kühlkiste gelegt, durch die Stickstoff gejagt und das darin befindliche auf -180°C heruntergekühlt und wieder aufgetaut wird. Das Ganze muss sehr langsam gehen, der Prozess dauert also einige Stunden, damit die Teile keinen Schaden nehmen. Sinn der Sache ist die Entspannung - oder sagen wir die Veränderung der Materialstruktur, was bei einem Instrument zu einer homogeneren Schwingungsentfaltung führen soll, ähnlich wie bei alten Instrumenten. Bei einer Gitarre hinterlässt das fast immer auch äußere Spuren, wie Lack-Crackles, Binding kann brechen, verschraubte Kunststoffteile können an den Bohrlöchern reißen… Doch es gibt einige angstfreie, mit feinstem Gehör und Gespür ausgestattete Ton-Gourmet-Gitarristen, die sind vom akustischen Ergebnis dermaßen begeistert, dass sie mit den Nebenwirkungen locker leben wollen.

 

Und nun endlich mal zur Sache: unsere Gibson ES335 hatte sich einer solchen Cryo-Behandlung unterzogen, laut Besitzer absolut erfolgreich in Sachen Ton, nach einiger Zeit hat sich aber eine übertriebene Halskrümmung gezeigt, die durch das Anziehen der Stellmutter des Halsstabs nicht in den Griff zu kriegen war. Die Mutter drehte sich mitsamt dem Halsstab mit, was ganz klar auf ein defektes Halsstab-Lager schließen ließ. Nun dachte man sofort an eine eventuelle Materialschwächung durch die Kälte-Behandlung, nach reiflicher Überlegung kamen wir aber zu dem Schluß, dass der Materialfehler schon vorher da gewesen sein muss und das Cryo-Tuning die Sache lediglich aufgezeigt hat. Wie auch immer, die Geschichte will repariert werden, denn so gut schwingte/schwang/schwung die Gitarre noch nie!

 

Meine erste Aktivität, war ein Besuch beim Arzt (nicht wegen meinem Gehör!), um ein Röntgenbild der Gitarre zu bekommen. Die etwas irritierten Damen an der Abfang-Theke rätselten noch, ob da jetzt die Krankenkassen-Karte von mir greift, oder… „das hatten wir doch schon letztes Jahr“, erinnerte sich plötzlich eine vom hinteren Zimmer an meine letzte Halsstab-Reparatur, und der hinzugekommene Doktor berichtigte schlagfertig „vor 2 Jahren war das!“. Nachdem klar war, dass das Instrument nicht krankenversichert sein kann und ich ein paar € in das Kaffee-Schweinchen schmeißen soll, bekam ich noch den Befehl „…aber dafür müssen Sie uns auch was vorspielen!“. „Allright“ meinte ich, „ich muss nur noch schnell meinen Verstärker-Turm holen, dann kann´s losgehen.“ Nachdem die Damen inklusive Doc heftig abgewinkt hatten, folgte ich einer Sprechstundenhilfe in den Röntgenraum, wo ich das edle Instrument aufbahrte, das aufgeregte Fräulein erledigte die digitale Durchleuchtung und ich konnte nach ausführlichem Bedanken mit einer 1a Fehlerdokumentation nach Hause ziehen.

Der Fehler – das abgebrochene Endstück des Halsstabs – war auf dem Röntgenbild schon deutlich sichtbar und damit die Diagnose erstellt. Nun denkt man sofort an ein Wechseln des Halsstabs, was eine aufwändige Prozedur ist: Griffbrett lösen (mit Hitze), den Ahornstreifen, der über dem Halsstab eingeleimt ist, herauspopeln, den Stab herausnehmen, einen Neuen einlegen, Ahornstreifen einleimen und bündig abrichten, Griffbrett wieder aufleimen, Binding evtl. erneuern, neu bundieren, lackieren…. eine Wahnsinns-Reparatur!

Das muss also einfacher gehen: Öffnen des Griffbretts an der richtigen Stelle, um den Tatort zugänglich zu machen, Reparatur des Halsstab-Lagers durch Schweißen, Verschließen und den ganzen Salat wieder unsichtbar machen. Das erspart Zeit, Nerven.

Das Ganze muss gut überlegt sein, denn hinterher soll man ja so wenig wie möglich sehen, am besten gar nix. Deshalb öffne ich das Griffbrett durch wegbrechen der oberen Schicht (in diesem Fall mitsamt dem Dot am 19.Bund, behalte die herausgestemmten Teile aber auf, um das später wieder passgenau verschließen zu können. Dann wird gebohrt bis Eisen kommt, das Halsstab-Lager. Jetzt wird endlich in Echt sichtbar, was ich zuvor nur auf der Röntgenaufnahme gesehen hatte… der Bruch!

Mein Nachbar, der pensionierte Schlossermeister - wir kennen ihn ja schon aus der letzten Halsstab-Geschichte - kommt nun ins Spiel, denn nur der schafft es, mit ruhiger Hand einen treffgenauen Schweißpunkt an der richtigen Stelle zu platzieren. Das muss aufs erste Mal klappen, sonst müssen wir am Ende doch noch das Griffbrett weghebeln… nein, das wollen wir nicht. Diesmal hatte ich den Fotoapparat dabei, aber in der dunklen Schmiede und dem hellen Schweißlicht waren meine Fotografie-Künste erschöpft, sodass ich davon kein Bild präsentieren kann. Und wieder war es so: der alte Mann hat´s drauf, völlig unaufgeregt setzt er die Elektrode an, hält sich dann die Maske vors Gesicht und schweißt Halsstab und Ankerblech mit einem einzigen Punkt zusammen. Im Tonstudio heißt sowas „first take“, für mich ist er ein Held!

 

Jetzt kommt das Schwierigste für mich, das Füllen der Bohrung und Zusammensetzen der Griffbrett-Teile. Ersteres ist babyleicht, Epoxid-Harz ist das richtige Füllmaterial, das Griffbrett muss aber so verklebt werden, dass die Bundschlitze kleberfrei bleiben, damit diese nicht nachgesägt werden müssen. Blöderweise musste ich am Griffbrettende ein Stück Binding aufschneiden, damit der Schlossermeister besseren Zugang zur Reparatur-Stelle hatte. Das konnte ich zwar wieder an die vorherige Stelle zurückkleben, aber man sieht beide Schnitte bei genauerem Hinsehen, o.k.

Nun noch die 3 Bünde gesetzt und abgerichtet, geölt und gewienert, passt. Saiten aufgezogen und jetzt kommt der spannende Moment: die Justierung der Halskrümmung, und da waren einige Umdrehungen der Mutter vonnöten. Aber – wie sollte es auch anders sein – alles in Butter, das Instrument ließ sich hervorragend einstellen und jetzt erst kam ich in den Cryo-Genuss, endlich. Schrammel... der Ton ist sofort „da“, mehr muss dazu eigentlich gar nicht gesagt werden. Großartig!